Die 4. Heldin

Leseprobe

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Sie lebten glücklich bis ans Ende aller Tage, sangen tanzten und jubelten – sodass das Ende aller Tage ihnen mitten in die strahlenden Gesichter schlagen würde, wenn es nun endlich ausholte.

Oh, welch Segen! Jeder Held, jede Prinzessin und jedes Kind jubelte: »Es ist vollbracht, juchhei!«

Sie umarmten Seinen mächtigen Stamm, sangen und tanzten. Sie bissen Törtchen in Drachenform die Köpfe ab, sodass die Marmeladenfüllung über Lippen und Milchzähne blutete.

Oh, welch Glück!

Leckereien flogen aus den Fenstern, Bewohner winkten hinterher. Kandierte Äpfel, Karamell, Schokolade – die Fänger spülten sie mit einem Glas von Haralds Bestem herunter. Ihre Kinder sammelten vom Kopfsteinpflaster auf, was niemand schnappte, kletterten durch Seine Äste, fischten aus Seiner Krone, was sich darin verfing. Zimtschnecken mit Drachenschwänzen. Törtchen mit Mandelzähnen. Fröhliche Fahnen hüpften zwischen den Blättern, selige Vögel sangen ihre Lieder. Die Kapelle stimmte »Oh welch ein Tag – oh welch ein Glück« an mit all ihren Posaunen, Celli und Bässen.

Ein Mädchen rammte ihr Holzschwert in die Erde Seiner Wurzeln: »Tod dem Bösen!«

Ihr kleiner Bruder rammte seines hintendrein. »Dood den Dösen!« Aus seinem Mundwinkel tropfte Schokobrei.

Dann zogen sie los, kleine Hand in kleinerer Hand, und bissen Drachenbrötchen die Köpfe ab.

Erst als das Sonnenlicht schwand, erst als Fackeln brannten, erst als Sandors mächtiger Baum in ihrer Mitte im Licht tausender Lampions erstrahlte; erst jetzt jubelte die Kapelle »Hexentanz und Heldenglanz« und jeder Glückliche stimmte ein.

Und sie betraten die Bühne.

Drei Helden. Drei Geschwister. Schwerter an den Gürteln, Strahlen in Gesichtern. Siegreiche Narben an Wangen und Armen. Jubel in allen Ton- und Zwitscherlagen begrüßte sie, denn an jedem Hals eines jeden Helden hing ein Lederband. Und an jedem Band ein Drachenzahn.

»Willkommen daheim!« Der Oberste der Stadt nahm die Älteste in die Arme. »Willkommen daheim!« Seine Stimme zitterte vor Glück, als er den Zweiten umarmte. Und ein drittes Mal: »Willkommen daheim!« Dabei fielen seine Freudentränen auf die Schulter des Jüngsten. »Ich wusste, dass ihr drei es schafft!«

Die Menge seufzte. Mehr als einer schnäuzte sich die Nase.

Ein Tusch. Sie nahmen die Lederriemen von den Hälsen, übergaben die Zähne des Drachen. Der Oberste hielt sie gen Himmel, jeder sollte sie sehen können. Jeder Vogel, jedes Blatt, jedes Kind.

»Wahre Helden stehen vor uns. Lasset uns sie feiern!« Drei Orden wurden an drei heldenhafte Brüste gesteckt. Die Menge jubelte.

Eine geschwisterliche Umarmung, der Jubel schwoll an.

Endlich die Verbeugung. Fliegende Hüte, Fahnen, Taschentücher, Törtchen ohne Drachenköpfe.

Dann, am Ende aller Tage, als die drei Helden sich verbeugten, als man ihnen Orden an die Brust heftete, als der Oberste der Stadt sie mit zitternden Händen umarmte, stand inmitten der jubelnden Menschen eine einzelne schlechte Seele.

Sie trug ein Schwert, trank von Haralds Bestem, sang und tanzte. Von all den guten Menschen nicht zu unterscheiden. Außer vielleicht … Sie tanzte wilder, jubelte lauter. Und sang und klatschte und tanzte und feierte, bis ihr das Marmeladentörtchen aus den Fingern rutschte. Bis sie das marmeladige Blut an der Lederhose abwischte und verstummte.

Das Böse war besiegt, juchhei! Welchen Grund gab es, sich nicht zu freuen?

Als die singende, tanzende, jubelnde Welt ihre drei Helden auf die Schultern hob und mit ihnen fortmarschierte, eine Prozession durch die Stadt, blieb die schlechte Seele zurück, allein auf dem Bier-Marmeladen-Blut verschmierten Kopfsteinpflaster. Mit einer vergessenen Fackel am anderen Ende des Platzes, mit zerbrochenen Krügen.

Mara Ki - Roman - Die 4. Heldin
Mara Ki – Roman – Die 4. Heldin

Mondlicht ließ Seine Krone glitzern – die größte Krone, die schönste, die niemals welkte – während die letzte aller Fackeln Seinen Schatten auf die böse Seele hinab krachen ließ.

»Lass mich allein«, knurrte sie. »Lass mich!«

Doch Er ließ sie nicht. Er blieb stehen, inmitten Seiner Stadt, fest auf Seinen Wurzeln. Und Seine Blätter kicherten.

»Habt ihr sie gesehen?«

»Habt ihr gehört? Es waren einmal drei Geschwister …«

»Drei?«

Die böse Seele schüttelte sich. Es waren nur Blätter. Blätter, die in der Sommerbrise raschelten.

»Erinnert ihr euch? Sie rammten ihre Schwerter in unsere Erde, damit die Kraft unserer Wurzeln hineinzieht. Aber es waren vier Schwerter!«

»Vier!«

Die böse Seele wandte sich ab. Fort, nur fort … Doch ihre Blicke folgten ihr.

»Das ist sie.«

»Das?«

»Wieso erschlug sie keinen Drachen?«

»Frag sie!«

»Heh, du!«, rief das erste Blatt.

»Du!«, das zweite.

»Du!«, all die anderen.

Die böse Seele presste die Lippen zusammen.

»Wieso erschlugst du keinen Drachen?«

»Wieso erschlugst …«

»Wieso erschlugst du …«

»Keinen Drachen?«

Alle zusammen: »Drachen?!«

»Seid still«, flüsterte die böse Seele, ballte die Fäuste. »Schweigt!«

Einen Lufthauch lang verstummten sie. Dann Kichern, Schimpfen. Durcheinander.

»Wieso ist sie böse?«

»Böse!«

»Wisst ihr nicht, was sie macht?«

»Sie!«

Die böse Seele verschränkte die Arme, stopfte ihre Hände unter die Achseln. Tausende Blätter schüttelten sich an ihren Ästen.

»Sie ist böse!«

»Sie ist schlecht!«

»Ruhig, seid ruhig«, zischte sie. »Seid ruhig!« Wieder und wieder. Doch sie blieben nicht ruhig. Sie hatten zu viel von Haralds Bestem getrunken, lachten, schwatzten.

»Sie wird niemals einer!«

»Niemals«, kicherten die Blätter.

»Niemals«, knisterten die Zweige.

»Niemals!«

»Bei Sandor, seid endlich still!«, schrie die böse Seele.

»Niemals«, grunzten die Wurzeln.

»Niemals«, sagte Sein Stamm und nickte.

Niemals.

Die böse Seele brüllte aus vollem Halse. Brüllte und schrie. Und brüllte … alles hinaus. Die letzten Wochen, die letzten Jahre – all die Jahre. Und das Brüllen brach sich durch ihre Brust, heiß und schwelend, brach sich durch ihre Muskeln. Brach durch sie hindurch. In jede Pore, jedes Härchen, zerfraß sie, versengte sie, brach …

Nein!

Die böse Seele starrte an sich herab, verstummte. Nicht, nicht!

Das Licht.

Nicht jetzt. Nicht das!

Dem Licht folgte die Hitze – die Flammen konnte sie nicht mehr stoppen.

Heiß fraßen sie sich aus ihrem Fleisch heraus, ihren Körper entlang, knisterten, zischten, verglühten auf ihrer Haut. Die Hitze versengte ihre Augen, Rauch und sengender Stoff bissen in ihre Nase.

Funken stoben über den Platz, ließen Blätterschatten zucken. Züngelten zum Mond empor.

Hände, Arme, die Luft zum Atmen; alles brannte.

Die böse Seele warf sich zu Boden, krachte auf Handgelenke, Ellenbogen, rollte auf brennenden Muskeln. Flammen stahlen sich aus ihren Armbeugen, flohen ihren Hals entlang in die Nacht. Sie krümmte sich, rollte sich, würgte das Feuer. Der Stein presste sich kalt an ihre Stirn, kalt an ihren Körper, ließ das Licht verblassen.

Endlich lag sie im Dunkeln.

Lange blieb sie liegen. Lag, atmete. Bis die Kälte in ihren Rücken zog, bis sie zitterte. Ihre Ärmel waren verbrannt, das Hemd versengt. Ihre Haut, ihr Fleisch war unverletzt. Unschuldig.

Sie setzte sich auf und vergrub den Kopf in den bösen Händen. Und ein einzelner, letzter Funke stahl sich von ihrem Handrücken, hüpfte über die Steine, sprang auf ein gefallenes Blatt. Knisterte wohlig und fraß sich satt.

Gestärkt sprang er weiter. Ein zweites Blatt, er setzte sich, versengte es, hüpfte weiter. Ein drittes, viertes. Das fünfte hing am Baum. Der Funke hüpfte hinauf, knisterte und schmatzte. Ein Blatt, ein zweites, ein Zweig. Mehr Blätter, mehr Äste.

Sie schrien, verkohlten, schrien, schmolzen. Als sich die Flammen gen Himmel reckten, blickte die böse Seele auf, blinzelte Tränen fort. Sah – und schrie mit ihnen.

Das Feuer fraß sich durch Äste und Blätter, drückte sich durch die Rinde in das Fleisch des Baumes. Des größten Baumes, des schönsten Baumes. Sandors Baum, des größten Helden aller Zeiten, auf dessen Wurzeln die Stadt erbaut ward, damit das Heldentum in all seinen Bewohnern leben möge.

Als sich Schritte dem Baum näherten, als sich Stimmen Befehle zuriefen, als Menschen mit Eimern rannten, Wasser zu holen, zu retten, was zu retten war, floh die böse Seele aus der Stadt.

Floh, weiter und weiter.

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