Romane, die ihr niemals lesen werdet.

Jeder hat seine Leichen. Im Keller, in Schubladen oder verbrannt zu Asche im Winde verweht. Sie bestehen aus Kapitel eins. Oder: Kapitel eins bis drei, gerne auch der Prolog mit Kapiteln 3 & 5. Oder Kapitel zwei mit dazugehörigem Plot, Stufendiagramm und Charakteranalysen.

Hiermit kratze ich Aschereste zusammen und lasse ich Euch teilhaben an den Top 5 meiner unvollendeten Romane in chronologischer Reihenfolge:

Unvollendete Nr. 1 (2. Klasse, Ende 80er): “Max und Mäxchen” – die spannenden Erlebnisse zweier Hamster.  Die erste Geschichte, die sich jemals meinem hölzernen Schreiblernfüller entwand, mein Einstieg in die Welt der Schriftsteller, hätte ich die Geschichte auf 200 Seiten ausdehnen können. Nach zwei Kapiteln (2 Seiten) verloren sich Interesse und Notizbuch. Erhalten blieb:

“Max und Mäxchen sind Hamster und Freunde. Sie spielen Blinde Kuh. Zwischendurch braucht Mäxchen eine Erholung. Er frisst und frisst und frisst.” Mäxchen bekommt Bauchschmerzen und kann nicht mehr mit Max spielen. Ende

Jahre später entdeckte ich die Schreibmaschine und mit ihr Unvollendete Nr. 2: “Silke und der Regenwurm mit dem Hütchen”. Eine Zusammenfassung erspare ich allen, ebenso den Titel von Unvollendeter Nr. 3, meiner 13 Jahre alten Hohlbein-Verdauung (Kind > andere Welt > muss andere Welt retten > nur es kann sie retten > niemand sonst > erlegt den Drachen > Ende), die es immerhin bis Seite 120 schaffte.

Bevor sich jemand wundert: Zwischen Nr. 3 und Nr. 4 habe ich kurze Vollendete versteckt, meine Interpretation des französischen und russischen Existentialismus, gemischt mir Abstraktem Theater. Texte wurden existentieller und kürzer, kürzer und abstrakter. Und kürzer. Bis sie ausblieben.
Ich wollte kein Schriftsteller werden. Und so landete ich zusammen mit Unvollendeter Nr. 4, dem “Versager”, in einem VHS-Kurs. Was den Versager nicht besser machte.

Was uns zu Nr. 5 bringt: „Das Heldenkind“. Wie viele Jahre schrieb ich daran? Wie viele Jahre schmiss ich es in eine Ecke? Mehrfach dachte ich, es wäre fertig, dann schmiss ich das bestehende weg und das Konzept um. Zwischenzeitlich war ich bei 900 Seiten. Glaubt mir – diese Version wollt ihr niemals lesen.
Und dann erst tat ich, was ich jahrelang hätte tun sollen: Ich holte mir Hilfe. Wie diese Hilfe aussieht, darüber werde ich mich an anderer Stelle noch auslassen – derzeit sei gesagt: Ohne einen Schreiblehrer, hätte ich es nicht geschafft. Aus 900 Seiten wurden 320. Und aus Unvollendeter Nr. 5 wurde Die 4. Heldin.

Endlich.

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